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Meme

Leben

Aus "Die Kirche im Kopf":

Vielleicht haben Sie den merkwürdigen Begriff „Mem“ noch nie gehört. Das wäre nicht allzu verwunderlich, denn „Mem“ ist noch ein recht junges Wort, das bislang fast ausschließlich in akademischen Kreisen wütete und noch nicht allzu viel Zeit hatte, massenhaft Köpfe zu infizieren.

Der Evolutionstheoretiker Richard Dawkins, der den Begriff 1976 als kulturelles Gegenstück zum biologischen Gen prägte, fasste unter „Mem“ jegliche Idee, Verhaltensweise oder Fertigkeit, die anderen durch Imitation übertragen werden kann. Meme (beispielsweise Geschichten, religiöse Dogmen, Moden, Rezepte, Lieder) sollen wie Viren von Gehirn zu Gehirn springen und die Gedanken, Vorstellungen und Wünsche der Menschen infizieren können. Zwar fällt es uns einigermaßen schwer, Meme (beispielsweise den Webeslogan: „Nichts ist unmöglich – Toyota“) als selbständig agierende Replikatoren vorzustellen, die Hirne befallen, um sich auf diese Weise fortpflanzen zu können. Dennoch macht es Sinn, mit Hilfe dieser Metapher die Welt zu verstehen, d.h. heuristisch (zu Erklärungszwecken) davon auszugehen, dass Menschen sich so verhalten, als ob sie tatsächlich von solchen selbstreplizierenden Informationseinheiten (Genen und Memen) gesteuert würden.

In der Tat konsumieren und erschaffen unsere Gehirne täglich unzählige Meme, an deren Verbreitung und Untergang wir via Kommunikation teilhaben. Ihr Einfluss auf unser Verhalten ist so stark, dass der „Egoismus der Meme“ den „Egoismus der Gene“ durchaus dominieren kann. Bestes Beispiel: Wenn ein Selbstmordattentäter sich vor dem Ablauf seiner biologischen Reproduktionsfähigkeit in die Luft sprengt, begeht er zwar eine im biologischen Maßstab sinnlose Tat (evolutionär betrachtet ist er ein schrecklicher Verlierer im genetischen Wettbewerb um biologischen Fort-pflanzungserfolg), allerdings trägt er auf eine sehr drastische und wirkungsvolle Weise dazu bei, dass die von ihm vertretenen Werte und Ideen in der Welt Gehör finden. (Insofern ist er trotz seines biologischen Defizits ein strahlender Gewinner im memetischen Wettbewerb um kulturellen Fortpflanzungserfolg.)

Nach dem 11. September (ein Datum mit hoher memetischer Kraft) wurde viel über die sog. „Schläfer“ in unserer Gesellschaft diskutiert, über religiöse Fanatiker, die unauffällig bleiben, bis der Moment gekommen ist, an dem sie zuschlagen. Nicht diskutiert wurde jedoch über die „Schläfer in uns“, über religiös fanatische Meme, die oft ebenso unauffällig bleiben, bis die Umstände sie aus dem Dämmerschlaf erwecken. Ein gutes Beispiel für ein solches Mem ist der Mythos vom „verräterischen Schacherjuden“ Judas, der das Heiligste, das die Welt angeblich je gesehen hat (Gottsohn), für ein paar „Silberlinge“ verkauft haben soll. Nachdem dieses Mem Jahrhunderte lang in den Köpfen der Menschen herangezüchtet worden war, war es für die Nationalsozialisten ein Leichtes, es in bestialische Aktivität zu versetzen. Insofern darf man dem jüdischen Gelehrten Pinchas Lapide zustimmen, der einen mehr oder weniger direkten Weg von Golgatha nach Auschwitz nachgewiesen hat. Und dieser schreckliche Leidensweg ist wahrscheinlich noch lange nicht zu Ende. Die Gefahr ist solange virulent, solange das Mem der „jüdischen Gottesmörder“ Gele-genheit findet, sich irgendwo in den hinteren Schaltzentren menschlicher Hirne einzunisten. Das Problem hierbei ist, dass sich dieses volksverhetzende Anti-Judas-Mem ausgerechnet im sog. „Buch der Bücher“, der Bibel, versteckt hält. Solange die Bibel nicht mit dem gleichen weltanschaulichen Abstand gelesen wird wie beispielsweise Hitlers „Mein Kampf“, muss das Ansteckungs-risiko als außerordentlich hoch betrachtet werden.

Das Christentum hat neben dem Judenhass zahlreiche andere fortpflanzungspotente Meme in die Welt gesetzt. Einige davon sind bereits auf den ersten Blick grauenerregend, andere erscheinen bloß skurril, dumm und lächerlich. Viele von ihnen (beispielsweise der christliche Schuld- und Sühnegedanke) wirken auch in säkularen Köpfen unverändert fort.


 
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